Schülerinnen und Schüler schauen über den Tellerrand

Sergio Chávez (El Salvador), Gast der Christlichen Initiative Romero e.V., und sein Einsatz für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne in der Bekleidungsindustrie

Wenn 100 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 bei einer neunzigminütigen Veranstaltung in der Aula mucksmäuschenstill sind und dem Referenten ihre volle Aufmerksamkeit schenken, dann ist nicht nur das Thema fesselnd, sondern auch der Referent mit seinen Anliegen authentisch gewesen. Diese Aufmerksamkeit zog Sergio Chávez aus El Salvador am letzten Freitag auf sich, als er zu Gast am Anton war.

Sergio Chávez ist Experte für Arbeitsrechte in der Bekleidungsindustrie. Er kämpft seit Jahren für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den sogenannten „Maquilas“ in El Salvador. Wegen gewerkschaftlicher Tätigkeiten musste Sergio Chávez im Salvadorianischen Bürgerkrieg fliehen. Er bekam Asyl in Dänemark. Damals ermordeten Todesschwadronen der rechten Salvadorianischen Regierung durchschnittlich vier Gewerkschafter täglich. Nach dem Bürgerkrieg kehrte er in seine Heimat zurück und begann Ende der 90-er Jahre zunächst mit der Leitung des Nationalbüros des NLC (National Labour Rights Committee). Später gründete er das „Equipo de Investigación Laboral“ (wörtlich: Team zur Untersuchung von Arbeitsbedingungen).

Das Equipo de Investigación Laboral führt Recherchen und Untersuchungen in Fabriken durch, um konkreten Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen auf den Grund zu gehen. Dafür schleusen sie auch Frauen als Näherinnen in die Fabriken, um herauszufinden, wie die Arbeitsbedingungen dort sind.

In seinem Vortrag gab  Sergio Chávez Einblicke in die problematischen Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsproduktion in El Salvador, er berichtete über den Skandal der viel zu geringen Löhne, über Unterdrückung der Gewerkschaftsfreiheit und von den ausbeuterischen Strategien der Bekleidungsindustrie. Er schilderte eindrucksvoll, wie rund 72.000 Arbeiterinnen derzeit in den Weltmarktfabriken, den sogenannten Maquilas in El Salvador arbeiten. In den 1990er Jahren gab es einen regelrechten Boom, der auf die Freihandelsabkommen mit den USA zurückzuführen war. Die mittelamerikanischen Regierungen hofften mit der Eröffnung von Freien Produktionszonen auf eine Ankurbelung der Wirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Durch die geringen Löhne tragen diese Arbeitsplätze aber langfristig kaum zur Verringerung der Armut in der Arbeiterschaft bei. Im Gegenteil: Gezahlt wird in El Salvador in der Regel der Mindestlohn von 210,90 US-Dollar brutto. Netto erhalten die ArbeiterInnen 189 US-$ im Monat. Das ist für die Preise und Lebenshaltungskosten in El Salvador viel zu wenig. Mit Mühe können damit Nahrungsmittel für eine 4-köpfige Familie finanziert werden. Es reicht nicht für Miete, Strom, Wasser, Bildung, eine angemessene Gesundheitsversorgung - von Freizeit-Aktivitäten mit der Familie ganz zu schweigen.
Die Beschäftigten sind überwiegend Frauen, oftmals ungelernte Arbeitskräfte, die den Unterhalt ihrer Familie verdienen müssen.Viele Näherinnen leben in Wellblechhütten in einem der Brennpunktviertel rund um El Salvador. Die Arbeitsbedingungen in der Fabrik sind hart, der Leistungsdruck und das Produktionssoll unmenschlich hoch. Die meisten ArbeiterInnen sind gezwungen, Überstunden zu leisten. Schlechte Belüftung und Hitze machen die langen Arbeitstage unerträglich, zumal die Versorgung mit Trinkwasser in vielen Fabriken unzureichend ist. Der Gang zur Toilette wird überwacht, daher verzichten viele darauf, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen und leiden an der Konsequenz chronischer Nierenerkrankungen.

Der Christlichen Initiative Romero e.V. aus Münster gilt ein besonderer Dank. Erst durch das Engagement dieser Initiative konnten wir Herrn Chávez am Anton willkommen heißen.